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Vorgeschichte
Überblick
Eindrücke
Fazit
 

Biwak Rotwandkopf

Bayrische Voralpen, 09/10.02.2002

   

Vorgeschichte

Vor dieser Tour hatte ich "seit langem" zwei Ziele oder Ideen: zum einem wollte ich den Grat zwischen Heimgarten und Herzogstand bei wenig Betrieb, möglicherweise im Winter, gehen und zum anderen einmal "richtig" biwakieren. Der Entschluß beides zu kombinieren war deshalb recht schnell gefaßt.
Der Plan: Aufstieg zum Heimgarten von Walchensee aus über die Ohlstädter Alm. Übernachtung auf dem Gipfel oder in der Nähe der Heimgarten Hütte. Am nächsten Tag der Grat zum Herzogstand und Abstieg zurück nach Walchensee. Aber es kam natürlich anders...

Die Ausführungen stellen weniger eine Beschreibung der Tour bzw. des "Weges" dar, sondern eher die Eindrücke beim Biwak bei sehr unangenehmen Wetter...

Überblick

Schwierigkeitsbewertung: einfache Winterwanderung

  • Anfahrt nach Walchensee, Parkplatz Herzogstandbahn (804m)
  • Aufstieg in Richtung Heimgarten bis zur Ohlstädter Alm (1423m)
  • Übernachtung und Wetterumschwung
  • Abbruch und Abstieg am nächsten Tag zurück nach Walchensee (803m)

Eindrücke

Das Wetter in München war in den letzten Tagen etwas durchwachsen gewesen: nicht besonders gut, aber auch nicht wirklich schlecht. Der AV-Wetterbericht sagte schon mehrere Tage eine spürbare Verschlechterung inklusive Schneefall an, jedoch passte dies nicht mit dem Blick aus meinem Fenster und dem auf diverse Webcams der Umgebung zusammen. Im Gegenteil: an jenem Samstag wurde es im Tagesverlauf immer besser und die Sonne zeigte sich.
Entsprechend nahm ich die Vorraussage nicht ganz ernst (die kann sich schließlich auch einmal irren) und brach auf, um meinen Plan von Biwak und winterlicher Gratwanderung umzusetzen. Etwa 15 Uhr war ich vor Ort am Parkplatz der Herzogstandbahn in Walchensee.

Aufstieg zum Rotwandkopf, Blick zum Walchensee
Ich lief zunächst in westlicher Richtung auf einer Straße zwischen ein paar Häusern in Walchensee, bis ich zum eigentlichen Weg "H5" gelangte. Dieser ist dann gut markiert und führt über die Ohlstädter Alm bis zum Heimgarten. Erst kam ich gut voran, doch ab ca. 1200/1300m lag Schnee und der Aufstieg gestaltete sich schnell anstrengender als erwartet. Der Rucksack war das eine (komplette Ausrüstung mit Schlafsack, Kocher, Essen, warmen Klamotten, mehr Trinken, ~20kg), doch dieser sorgte natürlich auch dafür, dass ich ständig im Schnee "einbrach" und mehr durchsackte als mir lieb war. Das Spuren war so natürlich doppelt schwer und vielleicht war dies ein Grund, dass ich den sich immer mehr zuziehenden Himmel nicht ganz beachtete (siehe Bild).

Der Weg biegt auf etwa 1400m scharf gen Norden ab und quert östlich den Rotwandkopf. Man kann jedoch auch über ihn zur Ohlstädter Alm gehen, was ich in diesem Fall auch tat. Die Querung schien mir damals mit dem Schnee nicht ganz geheuer, also quasi "obenrum". Dies kostete natürlich weitere Höhenmeter, Kraft und Zeit.

Die letzten Meter zur Ohlstädter Alm, im Hintergrund der Heimgarten
Mittlerweile wurde es immer später und dunkler. Bis zum Gipfel des Heimgartens würde ich es mit Sicherheit nicht mehr schaffen. Am Rotwandkopf selber (es gibt keinen richtigen Gipfel) fand ich jedoch kein geeignetes Lager und somit ging es weiter. Ich hatte ja alles dabei was ich für die Nacht brauchen würde und ich war doch "motiviert das jetzt auch durchzuziehen" - dachte ich.
Hinter dem Rotwandkopf erreichte ich eine kleine Hütte (1451m, auf der Kompass-Karte als "Diensthütte" eingezeichnet), doch auch hier gab es irgendwie keine so richtige Schlafgelegenheit die "angenehm" schien. Aber ich konnte schon eine weitere Hütte sehen: die Ohlstädter Alm. Im Hintergrund tauchte nun auch wieder der Heimgarten auf (siehe Bild). Vielleicht würde es ja doch mit dem Biwak am Gipfel klappen? Sollte ich halt mit Stirnlampe weitergehen? Die Heimgarten Hütte kannte ich bereits, dort gäbe es auf jeden Fall einen sicheren geschützen Platz neben der Hütte! Was aber, falls ich viel zu langsam bin und dann irgendwo im Dunkeln im Hang im Wald feststecke? Also doch lieber einen weniger tollen Platz nehmen.....?

Meine Unsicherheit klärte sich, da ich erst im halbdunkel an der Ohlstädter Alm eintraf. Jetzt noch weiterzugehen wäre wohl grober Umfug gewesen und ich war ehrlich gesagt auch schon genug ausgepumpt.

Die Stimmung war nun natürlich ziemlich cool! Irgendwo alleine in den Bergen, völlige Ruhe, trotz der geringen Höhe schon eine tolle Aussicht auf den Walchesee und ich würde die Nacht hier verbringen!
Ich rief noch schnell einen Kumpel in München an und gab quasi meine "Position" durch, kochte mir ein paar Nudeln, bereitete mein Lager bei dem kleinen Überdach der Ohlstädter Alm vor, schmöckerte noch etwas mit der Taschenlampe in einem mitgebrachten Buch (sowas schleppt man doch gerne) und verkroch mich gegen 19 Uhr endgültig im Schlafsack. Alles angenehm warm und alles in Ordnung bisher... und es wurde Nacht...

Der nun folgende kursive Teil beschreibt nur die Nacht, als das Wetter umschlug...

Ich schlief zunächst natürlich schlecht ein. Zum einen, da es eigentlich viel zu früh war und zum anderen, weil ich eben doch irendwie aufgrund der Stimmung aufgeregt war. Von einem tollen Sternenhimmel war aufgrund der Wolken leider so gut wie gar nichts zu sehen und es gab auch immer wieder Windböhen...
Gegen 22 Uhr wachte ich auf und registriete, dass ich doch schon geschlafen haben mußte. Der Wind war jetzt um einiges stärker. Die Sterne waren immer mal wieder kurz zu sehen und dann wieder nur Wolken. Ich bemerkte, dass es nieselte. Nun gut, also doch komplett in den Biwaksack hinein. Das wird schon gleich wieder aufhören und richtig zumachen brauche ich da nun auch noch nicht, man möchte ja nicht im eigenen Saft liegen... So döste ich weiter vor mich hin.

Wie im Zelt hört man ebenfalls auf dem Biwaksack die Tropfen. Die Tropfen wurden stärker und es begann richtig zu regnen. Langsam machte ich mir Sorgen: was, falls dies die ganze Nacht anhält? Ich zog den Biwaksack immer mehr zu und konnte mich so drehen, dass Wind und Regen an meinen Rücken "prallten". Das kleine Überdach hielt leider nicht viel ab. Es wurde mehr und mehr böhiger und irgendwie... ja, irgendwie war das anscheinend kein richtiger Regen mehr... das war Schneeregen!

Ich versuchte mich damit abzufinden und mir Mut zu machen: das sind hier nur 1400m, du bist direkt neben einer kleinen Hütte, im Normalfall ist man in knapp zwei Stunden im Tal, ich habe Essen und Trinken, es ist nicht kalt und ansonsten alles dabei... Im Halbschlaf bemerkte ich, wie der Schneeregen immer wieder zu- und abnahm. Hat es aufgehört? Ein Umdrehen brachte schnell die Gewissheit: nein! Wenn ich die Stirnlampe einschaltete, dann sah es genauso aus, als wenn man in der Nacht im Auto bei starken Schneetreiben fährt: die Flocken rasen wie in einem Tunnel auf einen zu. Wahnsinn! Wenn es die ganze Nacht so stark schneien sollte, wie wird morgen dann die Lawinensituation aussehen? Komme ich bei 30cm oder 50cm Neuschnee überhaupt normal runter? Sollte ich lieber jetzt zusammenpacken und versuchen solange es noch geht in der Nacht abzusteigen? Meine Spuren werden aber bestimmt schon zugeweht sein, finde ich den Weg noch?

Dann kam langsam aber sicher der unangenehme Punkt: die Blase drückt. Ich weiß nicht, wie lange ich versucht habe es zu unterdrücken (mittlerweile war es vielleicht 24 Uhr), aber es nützte nichts, ich mußte aus dem Schlafsack hinaus... Es war unangenehm, denn aus dieser naß-kalten Winterlandschaft würde es nicht wieder zurück in ein warmes Haus mit einem gemütlichem warmen Bett gehen. Nein, ich würde mich etwa 2m hinter mir wieder auf den Boden legen und mit etwas "Nylongewebe mit kältefester Beschichtung" zudecken. In dieser Situation mußte ich dann doch komischerweise etwas lachen...

Wie dem auch sei, in der kurzen Zeit des Aus- und wieder Einsteigens gelangte natürlich Feuchtigkeit in den Schlafsack. Im Halsbereich sowie an den Unterarmen war es nun alles andere als "angenehem Schlafsackwarm". Zudem verschlechterte sich das Wetter weiter. Die Böhen wurden immer heftiger und aus dem Schneefall (welchem man ja unter Umständen noch etwas "schönes weihnachtliches" abgewinnen könnte) wurden richtige Graupelschauer! In Wellen kamen sie heran und es pfiff von allen Seiten. Die Wand und das kleine Überdach der Hütte nützen nicht mehr viel. Es war so stark, dass ich freiwillig den Biwaksack soweit es ging zuzog. Nur noch ein Loch von vielleicht ein oder zwei Fingern für die notwendige Atemluft blieb offen. Als ich dies zu Hause mit dem Biwaksack einmal testete, zog ich die Schlaufen mehr oder weniger sofort nach dem Zuziehen wieder auf... hier oben nun kämpfe ich mich regelgerecht von Minute zu Minute. Mir war nun klar, dass Biwaksäcke absichtlich so konstruiert sind.

Die Zeit verging nicht und das Wetter wurde ebenfalls nicht besser. 1 Uhr, 2 Uhr... zwischenzeitlich mußte ich nochmals raus, um meine restlichen Sachen (Rucksack usw) so gut es ging irgendwie an der Hütte zu sichern. Ich hatte Angst, dass der Wind irgendetwas fortreißt. Natürlich wurde ich vom Graupel naß, der Schlafsack flog kurz auf und es schneite in ihn herein... Beim Wiederhineinsteigen war es von innen total klamm und nach außen hin zum Biwaksack stand das Wasser. Allerdings war mir Gott sei Dank nicht kalt. Ich hatte etwa zwei bis drei Lagen warme Klamotten an, dann einen dünnen Sommerschlafsack bis vielleicht ca. 18°C, dann meinen richtigen Schlafsack bis 3°C (beide Synthetik) und schließlich einen Biwaksack, welcher jedoch von innen aluminisiert ist.

Von Zeit zu Zeit lies ich kurz Frischluft durch die Öffnung des Biwaksackes hinein. Ich hatte Gedanken wie: "Was würde passieren, falls ich doch einschlafe und nicht genug Sauerstoff durch das Loch gelange würde..." Ich versuchte einfach durchzuhalten und wartete auf den Morgen. Jetzt abzusteigen wäre für mich vollkommen unmöglich gewesen. Bis etwa 3 Uhr harrte ich so aus, dann schlief ich doch irgendwie ein...

So gegen 6 Uhr wachte ich etwas verpeilt auf. Es war noch dunkel, aber das Wetter schien sich beruhigt zu haben. Zwischen den Wolken konnte ich kurz immer wieder etwas Himmel erkennen. Es war ein wahnsinnig erleichterndes Gefühl und ich versuchte bis zum Sonnenaufgang noch etwas zu schlafen.

Sonnenaufgang am Walchensee Ohlstädter Alm im Morgengrauen
Ich wachte erneut im Morgengrauen auf. Im Osten wurde es langsam heller (linkes Bild) und der neue Tag kündigte sich an. Ein eigenartiges Gefühl, wie eine Art "Ruhe nach dem Sturm". Die Ohlstädter Alm stand da friedlich, als wenn nichts gewesen wäre (rechtes Bild, das rote ist mein Schlafsack). Es schien gar nicht so viel Schnee liegen geblieben zu sein.

Graupelschauer in der Nacht
Mein Lagerplatz sah sehr eigenartig aus. Das weiße auf dem Bild war kein Schnee, sondern eher Eis und ich mußte es abkratzen. In der Flasche Wein schwamm ein dicker Eisklumpen. In den Schuhen war ebenfalls etwas Eis und mein richtiger Schlafsack war von außen her durch das Kondenzwasser des Biwaksacks teilweise steif gefroren. Als ich dies registrierte mußte ich abermals irgendwie ungläubig lachen... Und ich registrierte, dass ich ohne den Biwaksack ernsthafte Probleme bekommen hätte.

Sonnenaufgang am Walchensee Schnee beim Sonnenaufgang Ohlstädter Alm gegen Herzogstand
Nach kurzen Aufräumarbeiten war es dann soweit: Sonnenaufgang. Und nach dieser Nacht war es für mich ein doppelt toller Augenblick. Es schien mir, als wenn die Sonne mit ihrer Helligkeit und Wärme die Nacht mit ihrem Unwetter vertrieben hatte. Die Farben waren wahnsinnig beeindruckend. Alle Bilder wurden zwar mit einem Polfilter gemacht (ist quasi standardmäßig mit als Objektivschutz drauf) und das Scannen verfälscht natürlich auch immer ein wenig, aber es sah tatsächlich alles etwas surreal aus.

Heimgarten und Ohlstädter Alm von der Dienst Hütte
Nach einem kurzen Frühstück packte ich meine Sachen und überlegte, was ich nun tun könnte. Zunächst stand da noch der Plan vom Grat und ich lag natürlich super in der Zeit. Jedoch gab es da ein massives Problem: ich fand aufgrund des Neuschnees keinerlei Spuren und kannte diesen Weg auch nicht vom Sommer. Ich bemühte mich fast 45 Minuten, um den richtigen Pfad von der Ohlstädter Alm hinauf zum Heimgarten zu finden. Nur etwa 300 Höhenmeter wären noch zu überwinden gewesen. Doch ich fand nichts und wollte mich auch nicht querfeldein irgendwo im steilen Waldgelände nach oben zwingen. Also gab ich auf und beschloß, den gleichen Weg wieder nach Walchensee abzusteigen.
Etwa auf der Höhe der Dienst Hütte (s.o.) hatte ich einen guten Überblick zurück über den vermutlichen Weg (siehe Bild, unten rechts die Ohlstäder Alm, oben bereits der Gipfel, der Rest sind meine Spuren). Es sieht so von oben recht einfach aus, doch unten vor Ort war für mich kein Durchkommen.

Panorama vom Rotwandkopf gegen den Grat vom Heimgraten zum Herzogstand
Bei einem Blick zurück zeigte sich der Gratverlauf in einem schönen Panorama. Links der Heimgarten, die erste größere Erhebung ist der Herzogstand mit dem kleinen Pavillon, recht daneben (in der Mitte) der kleinere Martinskopf.

Simetsberg vom Rotwandkopf aus
Der Weg zurück nach Walchensee ging gut voran. Ich nahm mir extra viel Zeit und genoß die Berge so früh am Morgen. Vom Rotwandkopf hatte ich einen wunderbaren Ausblick auf den Simetsberg (siehe dazu Simetsberg im Winter und Simetsberg im Sommer mit Biwak bei gutem Wetter). Links daneben in Bildmitte die Arnspitzegruppe.

Kurz vor dem Parkplatz kamen mir noch ein Vater mit seinen zwei kleinern Kindern entgegen. Sie schauten mich ziemlich perplex an. Es war früh am Morgen und es kommt ihnen jemand mit einem Riesen-Rucksack entgegben, zwei Kopfkissen im Gesicht und mit Sicherheit alles andere als angenehm riechend... ;-)
Noch während der Heimfahrt wurde das Wetter wieder schlechter, es zogen abermals Wolken auf.

Fazit

Tja, im nachhinein gibt es nach so einer Tour bzw. Nacht natürlich einiges zu erzählen. Obwohl andererseits im nachhinein ja eigentlich nichts weltbewegendes passiert war: einfacher Aufstieg in den Bayrischen Voralpen, Biwak mit etwas schlechten Wetter und Abstieg am nächsten Tag. Wie vielen ist sowas bereits wiederfahren? Manch passionierter Westalpen-Bergsteiger wird sich vor Lachen nicht mehr halten können, bei solch "Kinderkram"...

Dennoch denke ich mit gemischten Gefühlen zurück. Die Nacht selber war für mich recht hart, ich habe mich dabei nicht wohlgefühlt und war froh, als es vorbei war. Zu zweit wäre es vielleicht einfacher gewesen, aber ich weiß jetzt, was man bei solchen Aktionen erwarten kann und muß. Und ich kann mir dunkel vorstellen, wie einem bei einem Unfall oder bei einem ungewollten Biwak in den "richtigen" Bergen zumute werden kann. Wenn man es selber nicht erlebt hat, dann unterschätzt man es!

Fakt ist auf jeden Fall: lieber auf den Wetterbericht hören! :-) Und zur Sicherheit gehört bei Touren im Winter in jedem Rucksack eigentlich immer eine entsprechende (Notfall)Ausrüstung: Biwaksack, warme Wechselsachen, etwas Essen+Trinken mehr als sonst, Taschenlampe...

Noch zwei Links:

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