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Vorgeschichte
Überblick
Tag 5: Küchlspitz
Fazit
 

Küchlspitz

Verwall 2006, 15-20.07.2006

   

Vorgeschichte

Bevor es in diesem Jahr (2006) wieder ins Wallis gehen sollte, wollten Hinnerk, Stefan und ich ein paar Eingehtouren durchführen und uns ein wenig "akklimatisieren". Die Wahl fiel auf das Verwall, ein im Vergleich eher ruhiges Gebiet. Die Gipfel sind zwar nicht so hoch und bekannt wie die Eisriesen in den Ötztaler Alpen oder in den Stubaiern, dafür aber nicht minder interessant!
Wir suchten uns die Darmstädter Hütte mit einem supernetten Hüttenwirt als "Basishütte" und unternahmen von dort aus mehrere Tagestouren mit leichtem Gepäck.

Im folgenden ist (zunächst) erst einmal nur der Aufstieg auf die Küchlspitz beschrieben. Im Web gibt es mittlerweile ja seeehr viele Homepages mit Tourenbeschreibungen, so dass ich mich lieber auf die Berge beschränken möchte, über welche man weniger findet bzw. die weniger oft begangen werden.

Überblick

Schwierigkeitsbewertung: Felstouren, oft im weglosen Gelände, Kletterstellen bis II

  • Tag1: Anfahrt nach St. Anton am Arlberg und Aufstieg zur Darmstädter Hütte (2384m)
  • Tag2: Saumspitze (3039m)
  • Tag3: Seekopf, Südgipfel (3061m)
  • Tag4: Westl. Faselfadspitze (2993m)
  • Tag5: Küchlspitz (3147m)
  • Tag6: Abstieg nach St. Anton und Weiterfahrt ins Wallis :-)

Tag 5: Küchlspitz

Ursprünglich hatten wir uns als Höhepunkt der Tour die Kuchenspitze als Ziel gesetzt. Auf Nachfrage beim Hüttenwirt wurde jedoch schnell klar, dass dies nicht möglich ist - dem Klimawandel sei Dank. Der Große Küchlferner und der Kleiner Kuchaferner, welche beide beim Normalanstieg gequert werden müssten, waren in diesem Jahr stark zurück gegangen, so dass beim Übergang in den Fels nur noch ca. 5-10m glatte Felswände zurückgeblieben sind. Hier hätten wir mit Schwierigkeiten im III-IV Grad rechnen müssen. Das zusammen mit der Länge der Tour hieß: für uns zu schwierig, anderes Ziel suchen, Küchlspitz, Westgrat.

Übrigens: ein Jahr später war ich am Piz Buin in der Silvretta. Dort gibt es beim Aufstieg über das Wiesbadener Grätle ein gleiches Problem. Auch hier ist der Übergang erheblich schwerer geworden. Ein Fixseil und Bohrhacken zum Sichern entschärfen die Stelle, so dass sie auch für uns "Normalos" möglich war. Ansonsten hätte man einen guten IIIer bis IVer gehen müssen...

Wir starteten gegen 7:15 Uhr. Den anfänglichen Weg kannten wir bereits von den Touren der vorherigen Tage. Den beschilderten Abzweig zum Rautejoch, über welches man weiter zur Friedrichshafener Hütte oder zur Neuen Heilbronner Hütte gelangt, erreicht man nach kurzer Zeit. Auf gut markiertem Weg und Blockwerk stiegen wir gemütlich gegen dem vom Rautejoch kommenden Ferner entgegen.

An der Moräne vor der Küchlspitz, links der Westgrat, links außerhalb des Bildes das Rautejoch
An der Moräne vor der Küchlspitz, links der Westgrat, links außerhalb des Bildes das Rautejoch

Den eigentlichen Anstieg über den Westgrat hatten wir bereits die Tage vorher gut überblicken können:

Küchlspitz von der Saumspitze aus gesehen, im Kreis die Darmstadäter Hütte Küchlspitz (etwas näher) vom Aufstieg zum Südlichen Seekopf aus gesehen Küchlspitz von der westlichen Faselfadspitze aus gesehen
links: Küchlspitz von der Saumspitze aus gesehen, im Kreis die Darmstadäter Hütte
mitte: Küchlspitz (etwas näher) vom Aufstieg zum Südlichen Seekopf aus gesehen
rechts: Küchlspitz von der westlichen Faselfadspitze aus gesehen

Das heißt, man geht zunächst weiter gerade aus entlang der Moräne auf die Küchlspitz zu. Wichtig ist, dass man sich insgesamt linker Hand des markanten Felssporns hält (auf der AV-Karte als P.2778 eingezeichnet) und nicht auf den Großen Küchl Ferner kommt. Ist aber bei guter Sicht nicht zu verfehlen und entspricht dem ganz normalen Weg zum Rautejoch.

Während der Weg zum Raute Joch nun eher einen schönen Bogen nach links / Süden / Südosten über das Firnfeld macht, hielten wir direkt auf den Westgrat zu. Auf dem folgenden Bild kann man es gut erkennen: direkt über den zwei Wanderen geht man vom Firn über in die Felsflanke. Dort war es bereits am Morgen etwas feucht und glitschig. Danach weiter auf das obere Firnfeld zuhalten. Hinter dem von links herunterziehenden Felswulst (im Schatten) hielten wir uns links und stiegen am äußersten linken Rand des Firnfeldes weiter empor, bis es schließlich im Fels einfacher weiter ging. Von dort aus rechts halten und die möglichst beste Route hinauf auf den Grat. Das Gelände war oberhalb des Firnfeldes überaus brüchig.

Aussicht auf den unteren Teil des Küchlspitz Westgrats
Aussicht auf den unteren Teil des Küchlspitz Westgrats

Der Aufstieg am Firnfeld war nicht allzu steil. Trotzdem legten wir nach gut der Hälfte die Steigeisen an, da nach oben hin die Firnauflage auf dem Eis nur mehr 5-10cm dick war. Der aufmerksame Betrachter wird auf beiden folgenden Bildern unsere Nachlässigkeit erkennen: wir ließen die Handschuhe im Rucksack. Zumindest mir sollte dieser Fehler (später im Abstieg) eine Lehre werden... nachher dazu mehr. :-)

Aufstieg am Firnfeld Wieder Übergang vom Firnfeld in den Fels
links: Aufstieg am Firnfeld, das Blankeis ist bereits sichtbar
rechts: Wieder Übergang vom Firnfeld in den Fels

Die letzten Meter hinauf zum Westgrat waren, wie schon geschrieben, ziemlich brüchig. Viel steiler Schotter, maximal I - wenn überhaupt. An unseren genauen Weg kann ich mich mittlerweile nicht mehr erinnern. Der Grat ist in Sichtweite und man sollte am besten nach seinen eigenen Vorlieben hinaufsteigen.

Wir erreichten den Westgrat gegen 8:45 Uhr und dieser war nun gut zu gehen und zu klettern. Gehgelände wechselte sich mit kurzen Ier und hier und da IIer Stellen ab, meist im groben Blockwerk. In regelmäßigen Abständen konnten wir Steinmandl entdecken.

Küchlspitz Westgrat Küchlspitz Westgrat Küchlspitz Westgrat
Alle Bilder: Westgrat Küchlspitz

Ingesamt kann gibt es am Westgrat (zumindest von dem Punkt an, an welchem wir einstiegen), zwei etwas längere und steilere IIer Stellen. Die Routenführung war jedoch klar, Griffe und Tritte gab es. Wir fanden bei beiden Stellen oben jeweils einen Hacken.
Am oberen Teil des Grates konnte man plötzlich das Gipfelkreuz sehen. Von diesem Punkt aus war es jedoch noch ein Stück des Weges, da man nicht direkt zum Kreuz aufsteigt (auf die Idee würde man wohl auch nicht kommen), sondern sich weiter rechts am Grat hält und in einem Bogen zum höhsten Punkt gelangt. Die eine längere IIer Stelle hat man bereits hinter sich, die zweite kommt an diesem Punkt noch.

Am oberen Teil des Küchlspitz Westgrates, das Gipfelkreuz in Sichtweite Küchlspitz Westgrat, Blick zum Rautejoch
Am oberen Teil des Küchlspitz Westgrates, das Gipfelkreuz in Sichtweite
Küchlspitz Westgrat, Blick zum Rautejoch

Gegen 11 Uhr erreichten wir schließlich den Gipfel der Küchlspitz, 3147m. Das Wetter war, wie die ganzen Tage zuvor auch, richtig gut und auch nicht zu diesig. Die Einträge im Gipfelbuch bestätigten nun unsere Vorahnung, dass dieser Gipfel nicht allzuoft besucht wird. Die Einweihung des Kreuzes fand 1990 satt, ganze 16 Jahre zurück und das Gipfelbuch war nur zu 1/3 gefüllt.

Am Gipfel der Küchlspitz Gemse in Menschengestalt
links: Am Gipfel der Küchlspitz, 3147m
rechts: Gemse in Menschgestalt :-)

Eine witzige Sache am Rande: Nach uns kam noch eine andere "Seilschaft" am Gipfel an... und es war bereits ein Einzelgänger vor uns oben. Dieser Einzelgänger muss wohl eine Art Gemse in Menschengestalt gewesen sein. :-) Lässig mit Jeans und halboffener Jacke unterwegs hatte er anscheinend nur eine Fotoausrüstung dabei. Diese trug er in einer Tasche über einer (!) Schulter. Normalerweise könnte man denken, dass so einer eigentlich nicht auf solch einen Berg gehört. In diesem Fall muss es aber ein absoluter Naturbursche gewesen sein. Wie sich dieser Mensch im Fels bewegen konnte war einfach Wahnsinn! Er turnte mit einer absoluten Leichtigkeit über das Gelände, hielt sich an ausgesetzten Stellen nur mit einer Hand fest wo andere wohlmöglich sichern würden und war nach kurzer Zeit irgendwo in einer Flanke verschwunden - nicht aber über unseren Aufstiegsweg! Gewiß ist er einen anderen, um einiges schwierigeren Weg abgestiegen.

Nach ausgiebiger Pause ging es an den Abstieg, es war bis zur Hütte der identische Weg. An den zwei "längeren" IIer Stellen beschlossen wir abzuseilen. Unbedingt notwendig wäre es nicht gewesen, allerdings war es halt angenehmer sich in Ruhe abzulassen. Zudem hatten wir das Seil eh dabei und etwas Übung schadet ja nicht.

Abseilen an der oberen Steilstufe Abseilen an der unteren SAteilstufe
links: Abseilen an der oberen Steilstufe
rechts: Abseilen an der unteren Steilstufe

Als wir nach der schönen Kletterei wieder in den Schotterhaufen unterhalb des Grates mussten wurde es nochmal kurz unangenehm. Oder ich muss besser schreiben: "nervig". Zu diesem Zeitpunkt waren wir den 5. Tag in Folge unterwegs, ich hatte einfach keine Lust mehr auf Schotter und ständig aufpassen. Dies war der Grund, das ich wieder auf das Firnfeld qurte. Stefan umging es...

Im folgenden nun die Geschichte mit den Handschuhen:
Von unserem morgendlichen Aufstieg wusste ich noch, dass weiter oben die Firnauflage nur sehr dünn war und gleich darunter Blankeis. Da das Firnfeld jedoch unten gut auslief, nahm ich mir nur den Pickel zu Hilfe. Keine Steigeisen und keine Handschuhe. Mit einem kühnen "Sprung" vom Fels auf den Firn wollte ich den blankeren Randbereich übergehen, weiter in der Mitte sah es nach nassem Firn aus, der würde bestimmt etwas halten. Ich rechnete zwar damit, dass ich sehr schnell abfahren würde. Ich rechnete auch durchaus damit, dass es mich auf den Hosenboden setzt... Ich rechnete jedoch nicht damit, dass es SO SCHNELL auf den Hosenboden geht und ich SO SCHNELL Geschwindigkeit bekomme. In den Leerbüchern wird zwar beschrieben, dass ein Sturz in einer steileren Eisflanke sehr schnell dem freien Fall gleicht, aber wer probiert das freiwillig schon aus?
Ich war weit von einem freien Fall entfernt, doch ich bekam einen gehörigen Schreck. Klar läuft das Firnfeld weiter unten gut aus, doch was ist mit meiner Geschwindigkeit? Sollte ich vielleicht doch zu weit rutschen??? Mehr aus Reflex drehte ich mich sofort in Bauchlage und rammte den Pickel in den Firn, so hatte ich es in der Ausbildung gelernt und geübt. Allerdings übt man eben nicht bei 10cm Firnauflage mit Blankeis drunter. Durch mein Gewicht schob ich einen Großteil des nassen Firns vor mir her und der Pickel kratze auf dem Eis. Der Bremsvorgang gestaltete sich so ein klein wenig anders als gedacht bzw. gehofft. ;-) Es passierte nämlich zunächst nichts. Erst nachdem ich mit vollem Gewicht auf dem Pickel hing wurde ich langsamer. Gott sei Dank wurde es nach ein paar Metern auch flacher und die Firnauflage größer, so dass ein zusätzlicher Bremseffekt eintrat.
Das ganze spielte sich in Sekundenbruchteilen ab und ich war letzlich maximal 10m bis 15m abgerutscht... vielleicht auch 20m, aber das spielt keine Rolle. Wahrscheinlich hätte ich auch einfach auf dem Hosenboden "in Ruhe" weiterrutschen können. Aber wie geschrieben war die Beschleunigung enorm und der eintretende Schreck lies die trainierten Reflexe ablaufen.

Ohne Handschuhe raspelte das Eis wie grober Asphalt an meinen Händen. Ich achtete beim Bremsen mit dem Pickel überhaupt nicht darauf, wo oder ob Teile meiner Hände das Eis berühren. Nachdem ich zum stehen gekommen war fühlten sich an der linken Hand zwei Fingerknöchel und an der rechten Hand der äußere Bereich ein wenig eigenartig an. Kurz darauf begann es auch schon etwas zu bluten. Ich hatte Glück: nur ein paar leichte Schürfwunden, welche ich gleich desinfizierte und verband.

Mittlerweile habe ich in Form von drei kleinen Narben ein Andenken an diese Unachsamkeit. Entsprechend kann ich jedem nur raten: sobald es über Firn geht und das Risiko besteht auszurutschen: Handschuhe an! Egal wir warm es ist!

zurück am Firnfeld
zurück am Firnfeld

Die Darmstädter Hütte erreichten wir nach einem ruhigen Rückweg gegen 15 Uhr.

Fazit

Eigentlich habe ich bisher in keinem Fazit geschrieben, dass es sich nicht gelohnt hat. ;-) Bei dieser Tour wird sich das nicht ändern. Aber warum genau?
Zum ersten die Darmstädter Hütte. Diesen Aufenthalt habe ich auch nun nach über einem Jahr, da ich dies hier schreibe, in sehr guter Erinnerung. Eine schöne Hütte mit netten Wirtsleuten, tollem Essen, prima Lagern... eben alles was dazu gehört.
Um die Hütte kann man sich mehrere Tage lang beschäftigen. Tolle Touren in verschiedenen Schwierigkeitsgraden und alles nicht so überlaufen wie anders wo. Zudem relativ kurze Zustiege... man hat mehr Zeit am Fels und kann entspannt die Tour geniessen.
Und die Küchlspitz ansich? Ebenfalls eine schöne, abwechslungsreiche und eher einsame Tour.

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