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Vorgeschichte
Überblick
Tag 1: Anfahrt
Tag 2: Hüttenaufstieg
Tag 3: Weissmies
Tag 4: Lagginhorn
Fazit
 

Weissmies und Lagginhorn

Wallis, 14-16.09.2005

   

Vorgeschichte

Früher oder später wird man als Bergsteiger entdecken, dass es auch in der Schweiz einige Hügel gibt und die magische Zahl "4000" wird einen in den Bann ziehen. Mir ging es nicht anders. Die Höhe reizte, wie wird man sie wohl verkraften? Die Anstiege sind länger, die Gipfel wilder - schaffst man das?
Irgendwann waren genug Vorüberlegungen angestellt und die verschiedenen Vorbereitungen in den Stubaier Alpen und den Ötztaler Alpen im Sommer 2005 machten Mut, das ganze einmal anzugehen. Meine Bergkameraden Stefan und Patrick hatten beide schon "4000er Erfahrung" und somit war ich auch recht zuversichtlich, dass ganze "in Eigenregie in der Gruppe" und ohne Bergführer angehen zu können.

Das Thema Planung gewann in den Westalpen nun einiges mehr an Bedeutung. Man kommt schlecht an einem Tag rauf auf den Gipfel und wieder runter. Fast jeder Berg hat "seine Hütte" und Hüttenwanderungen wie z.B. im Allgäu, bei welchen man schön pro Tag auch einen Gipfel einbauen kann, sind nicht immer so leicht möglich. Hat man einen Berg bestiegen, braucht man fast wieder ein oder zwei Tage für einen Neuanlauf... weil beispielsweise ein Abstieg von 4000m zurück ins Tal auf 1500m und dann wieder rauf zur nächsten Hütte auf mindestens 2500/3000m für einen Flachlandtiroler kein Zuckerschlecken ist.

Unsere Wahl fiel schliesslich aus den Weissmies und das Lagginhorn. Beide gelten als einfache 4000er. Beschreibungen und Fotos gibt es zu beiden im Netz genug, jedoch finde ich sehr bemerkenswert, dass beide Gipfel ebenfalls auf gletscherfreien Routen und somit theoretisch auch für Sologänger erreichbar sind!

Überblick

Schwierigkeitsbewertung: für Westalpenverhältnisse leichte Hochtouren

  • Tag1: Anfahrt ins Saaser Tal nach Saas Grund (1569m), Campingplatz Am Kapellenweg
  • Tag2: Aufstieg zur Almageller Hütte (2894m)
  • Tag3: Aufstieg zum Weissmies (4023m) über SSO-Grat, Abstieg über Normalweg zur Weismieshütte (2720m)
  • Tag4: Augstieg zum Lagginhorn (4010m) über Westgrat, Abstieg zurück zur Weissmieshütte und per Seilbahn ins Tal
  • Tag5: Heimfahrt

Tag 1: Anfahrt

Die Fahrt von München ins Wallis ist kein kurzweiliges Vergnügen, runde 500km müssen zurück gelegt werden. Wir fuhren über Winterthur, da wir Patrick noch einsammelten . Es ist immer wieder erstaunlich, was alles in einen Corsa reinpasst. :-)
Für mich war es das erste Mal, dass ich tagsüber die "Westalpen" aus der Nähe betrachten konnte. Dies geschah am Furkapass auf 2431m und wir hatten einen guten Blick in die, wie Patrick meinte, Berner Alpen. Auf der Karte finde ich das ganze mittlerweile nicht mehr wieder, ich weiss jedoch nur noch, dass ich ziemlich überwältigt, ja fast geschockt war. Das ganze sah vollkommen anderes aus, viel wilder und Furcht einflössender. Von der Glocknerstraße in den Hohen Tauern hat man beispielsweise ähnlich schöne Blicke, aber im Vergleich sieht es in den Ostalpen lieb und zahm aus. Vielmehr war ich schon damit beschäftigt, im Geiste Aufstiegslinien zu suchen... hier jedoch, bei diesem Blick in die Westalpen, staunte ich nur respekvoll "Und auf sowas kommt man hoch?".

Am späten Nachmittag erreichten wir Saas Grund (1569m) im Saastal und ließen uns im Camping Am Kapellenweg nieder. Der Campingplatz liegt ganz nett am Ortsende, hat gepflegete Sanitäranlagen, einen kleinen Shop für das Bierchen am Abend und auch einen Internetanschluß für den Wetterbericht (kostenpflichtig, faire Preise).

Camping Am Kapellweg
Camping Am Kapellenweg

Nach dem Zeltaufbau und einem Dreigängemenu (Salat, Tütensuppe, Nudeln) ging es an die Planung für die Folgetage. Der erste Anlauf sollte in die Weismiesgruppe gehen. Das Auto konnten wir beim Campingplatz stehen lassen. Taleinwärts dann zu Fuss bis in den nächsten Ort, Saas Almagell, Aufstieg zur Almageller Hütte. Den Folgetag dann die Überschreitung vom Weismies und runter zur Hohsaas-Hütte oder weiter runter zur Weissmieshuette und die zweite Übernachtung. Danach gäbe es dann die Möglichkeit das Lagginhorn anzugehen...

Tag 2: Hüttenaufstieg

Nach einer geruhsamen Nacht starteten wir 9:00 vom Campingplatz aus. Der Rucksack war Hochtour-like mal wieder etwas schwerer als sonst, aber daran würden wir (oder ich) uns schon gewöhnen. Heute hatten wir nur den Hüttenaufstieg vor uns, entsprechend liessen wir es sehr ruhig angehen. Es galt keine Kräfte zu vergeuden und wir konnten die Gegend geniessen. Es war ein wunderschöner Tag mit Sonnenschein und blauen Himmel.
Etwa nach einer Stunde erreichten wir Saas Almagell (1660m), der Weg verläuft wunderschön an einem Fluß. Kurz nach dem Ortseingang ist linker Hand der Hüttenaufstieg ausgeschildert. Es gibt mehrere Varianten des Aufstieges, wir wählten den den "direkten" über den "Säumerweg". Zunächst geht es in vielen Serpentinen auf einem schön angelegtem Weg durch den Wald. Wir staunten nicht schlecht, wer bereits unterwegs war...

Abendbrot?
Abendbrot? :-)

Ich erinnere mich noch, dass bereits nach wenigen Höhenmetern zwischen den Bäumen auf der gegenüberliegenden Talseite der Dom und die Lenzspitze auftauchten. Patrick meinte vorher noch, dass gerade hier im Wallis die Wege vom Tal bis zu den Gipfeln (Luftlinie) relativ kurz sind. Man hat meist keine stundenlange Anmärsche im Tal oder in Seitentälern, wie z.B. im Karwendel, sondern es ist alles recht dicht beieinander. Dadurch wirkt alles gewaltiger und das taten die Gipfel mit ihren im grellen Sonnenlicht funkelnden Eisflanken!

Auf etwa 2000m Höhe erreicht man schließlich ein kleines Hochtal und es geht recht eben weiter bis zur Almagelleralp (2194m). Kurz dahinter machten wir eine erste ausgedehte Pause und bestaunten die umliegenden Gipfel, besonders natürlich die gegenüberliegende Mischabelgruppe mit dem Dom. Der Respekt ließ nicht nach, denn bis ganz noch oben fehlten weiterhin 2500 Hm!

Almagelleralp Aufstieg zur Almageller Hütte
links: Almagelleralp mit Alphubel, Täschhorn, Dom, Lenzspitze, Nadelhorn und Ulrichshorn
rechts: Nicht mehr weit bis zur Almageller Hütte, Blick zum Allalinhorn, Alphubel, Täschhorn und Dom

Kurz hinter der Almagelleralp teilt sich der Weg und man hält sich, ebenfalls wieder prima ausgeschildert, links in Richtung Almageller Hütte auf dem "Säumerweg". Nach einer weiteren Pause erreichten wir letzlich gegen 14 Uhr die Almageller Hütte (2894m). Mir fiel im Vergleich zu Hütten in Deutschland oder Österreich auf, dass die Raumausnutzung um ein vielfaches besser geregelt war. Kein Platz wurde verscheckt. Des weiteren existierten Körbchen mit Nummern, welche für jeden frei zur Verfügung stehen und für die kleineren Utensilien genutzt werden können. Der Waschraum hatte Bergsteigerambiente: sauber und eiskaltes Wasser. :-)

Almageller Hütte Spaltenbergung ohne Gletscher SSO-Grat des Weismies von der Almageller Hütte
links: Almageller Hütte, 2894m
mitte: Spaltenbergung ohne Gletscher
rechts: Blick von der Almageller Hütte auf den SSO-Grat des Weismies

Den Nachmittag verbrachten wir mit Kuchen essen und Vorbereitungen für den morgigen Tag. Wir überprüften die Ausrüstung und übten Spaltenbergung an ein paar Felsklötzen. Erste Blicke auf den SSO-Grat vom Weissmiess konnten ebenfalls erhascht werden und die Vorfreunde wurde immer größer. Der Hüttenabend war sehr schön und das Essen in der Halbpension reichlich. Es macht meiner Meinung nach schon etwas mehr "Hüttenfeeling" aus, wenn die gesamte Truppe ein und dasselbe Essen erhält, man bekommt nicht diesen "Restaurant-Charakter".

Wann wir nun genau in die Lager gingen, weiss ich mittlerweile gar nicht mehr. Auf jeden Fall war ich sehr aufgeregt. Ich auf einem 4000er, kann das klappen? Das Wetter sah zwar gut aus, aber würde es auch wirklich halten? Würde ich die Höhe vertragen? Ist der Auf- und Abstieg schaffbar oder ist es in den Westalpen alles ganz anders? Und würde ich überhaupt so früh munter werden...?

Tag 3: Weissmies

...ich wurde munter! Kurz vor 04:30 Uhr läuteten unsere Armbanduhren. Einpacken, anziehen... alles noch ein wenig im Tran aber sehr aufmerksam und respektvoll angespannt. Nach und nach schien es, als wenn die gesamte Hütte auf den Beinen war. Irgendwie waren alle anderen schneller als wir mit dem Packen (oder ich gab mir einfach mehr Mühe *g*), jedenfalls war der Frühstücksraum genauso voll wie am Abend. Das Frühstück selber war sehr spärlich, zumindest für mich, aber dafür war das Brot sehr frisch (ganz anders als auf Deutschen und Österreichischen Hütten).

Etwa 05:30 Uhr herrschte ein buntes Treiben vor der Hütte. Ein jeder machte sich fertig und überprüfte, dass auch nichts auf der Hütte zurück blieb. Wir waren schliesslich die ersten, welche im 3er Gespann aufbrachen. Dieses Gefühl werde ich wohl nie vergessen: mein erster Aufbruch halb in der Nacht mit dem Ziel einen 4000er zu besteigen. Die fahlen Lichtkegel unserer Stirnlampen leuchteten in der Dunkelheit umher, ich fühlte mich klein... Teils noch müde und doch musste man hochkonzentriert sein, es galt den richtigen Weg zu finden und nicht im Dunkeln schon hier unten über einen Stein zu stolpern... Beim Blick zurück konnte man die Karawane der Stirnlampen sehen, sie schloss beharrlich zu uns auf.

Aufbruch frühmorgens an der Hütte in Reih und Glied mit der Stirnlampe Meinereiner
links: Aufbruch frühmorgens an der Almageller Hütte.
Mitte: in Reih und Glied mit der Stirnlampe
rechts: Meinereiner mit einem Gesichtsausdruck: "Schon cool hier, aber warum mache ich das eigentlich?" *g*

Bis zum Zwischenbergpass (3287m), welchen wir rund eine Stunde später erreichten, gab es keine Probleme. Das letzte Stück wurde ein wenig steiler, ansonsten konnte aber noch alles als bequeme Wanderung durchgehen, auch wenn wir langsam aber sicher bereits im Schnee gingen.
Es waren so viele Leute unterwegs, so dass niemand den falschen Weg wählte. Komischerweise gab es keinen Herdentrieb, bis auf ein/zwei geführte Gruppen versuchte fast jeder schneller zu sein und an den anderen vorbei zu kommen. Im Hinblick auf den SSO-Grat war das vielleicht sogar sinnvoll (vielleicht gab es ja doch klassische Staustellen), andererseits galt es die Kräfte zu schonen.

Am Zwischenbergpass selber zog es wie Hechtsuppe, die Sonne ging gerade auf. Was für ein Blick, was für ein Gefühl! Dies merkte man auch allen anderen an! Schon jetzt waren alle Strapazen des Hüttenaufstieges, der Nacht und des frühen Aufstehens vergessen. Es war einfach unbeschreiblich schön! Wir machten eine kurze Pause und gingen nun den SSO-Grat an.

Sonnenaufgang am Zwischenbergpass Blick vom Weissmies SSO-Grat zum Zwischenbergpass mit Portjenhorn und P. d. Andolla
links: Sonnenaufgang am Zwischenbergpass
rechts: Blick vom Weissmies SSO-Grat zum Zwischenbergpass mit Portjenhorn und P. d. Andolla

Mittlerweile zog sich "das Feld" langsam aber sicher auseinander. Wenn man sich vom Zischenbergpass in Richtung des SSO-Grates begibt, ist der Grat zunächst noch sehr breit. Erst weiter oben wird er zunehmend zu einem richtigen Grat. Bis dahin kann man in prinzipiell auch ostwärts ausweichen und den Anstieg in der SO-Flanke vornehmen. Wir wählten jedoch den Grat, weil das Gekraxel einfach abwechslungsreicher war und uns mehr Spass bereitete.

Panorama vom Weissmies SSO-Grat
Panorama vom Weissmies SSO-Grat

Prinzipiell sind am gesamten Grat keine Sicherungen notwendig, alles bewegt sich soweit im Ier Gelände, hier und da hat es vielleicht ein paar kurze IIer Stellen. Alles grobes Blockwerk, toller Fels. Die Bergführer hatten ihren Gruppen zwar Seile angelegt, ansonsten war aber niemand so unterwegs, geschweige, dass Stellen gesichert wurden. Falls die Verhältnisse bei einem Abstieg jedoch umschlagen sollten, kann dies natürlich ganz anders aussehen.

Aufstieg am unteren Teil des SSO-Grates, hinten Portjenhorn Unterer Teil des SSO-Grates, Blockgrat, hinten SO-Flanke Kraxelstellen am SSO-Grat, Ier Glände mit kurzen II- Stellen Tiefblicke am SSO-Grat
ganz links: Aufstieg am unteren Teil des SSO-Grates, hinten Portjenhorn
Mitte links: Unterer Teil des SSO-Grates, Blockgrat, hinten SO-Flanke
Mitte rechts: Kraxelstellen am SSO-Grat, Ier Glände mit kurzen II- Stellen
ganz rechts: Tiefblicke am SSO-Grat

Mit der Zeit spielten wir uns gut ein und kraxelten Höhenmeter um Höhenmeter weiter. An erwähenswerte "Schlüsselstellen" kann ich mich nicht mehr erinnern, die Schwierigkeiten blieben eher konstant gleich und waren genau richtig für den Genuss. Was jedoch interessant war: die Länge. Von meinen bisherigen Touren kannte ich zwar ähnlich schöne Grate, jedoch waren diese meist kürzer. Nach und nach machte sich die Höhe bemerkbar, schliesslich war man oberhalb von ~3500m unterwegs, und eine Ende war noch nicht einsehbar. Nicht das dies störte - eher im Gegenteil - bloß nahm ich es eben bewusst war. An Markierungen kann ich mich übrigens an keine erinnern.

Gegen 09:30 Uhr erreichten wir schließlich eine Art Schulter. Der Felsgrat war hier zu Ende und der Aufstieg zum Gipfel führte flacher und mehr in westlicher Richtung weiter. Da hier nun überall fester Schnee lag und der Wind gut pfiff, beschlossen wir vorsichtshalber die Steigeisen anzulegen. Wer weiß, vielleicht kommen auf den letzten Metern doch noch ein paar blanke Stellen?!
Die Abwechselung in der Bewegung tat nun richtig gut, für ein paar Meter ging es sogar wieder bergab. Der Wind wurde teils recht böhig und wirbelte manchmal etwas Schnee auf. Eine Art kurzer Firngrat vor dem eigentlichem Gipfel bot noch einmal schöne Tiefblicke. Auf Wächten sollte man hier zumindest immer etwas achten...

Quasi an der Schulter des SSO-Grates Übergang in Richtung Gipfel des Weissmies Kleiner Vorgipfel vom Weissmies mit kurzem Firngrat
links: Quasi an der Schulter des SSO-Grates, hinten wieder Portjenhorn und P.d.Andolla
Mitte: Übergang in Richtung Gipfel des Weissmies
rechts: Kleiner Vorgipfel vom Weissmies mit kurzem Firngrat, jetzt ist es nicht mehr weit

Kurz vor 10:00 Uhr standen wir dann auf dem Gipfel des Weissmies (4023m). Ich hatte es tatsächlich geschafft und fühlte mich großartig! Der Wind wehte unaufhörlich und sorgte für eine unangenehme Kälte. An ein gemütliches Hinsetzen und Pause machen war nicht zu denken. Selbst die Jacke aus dem Rucksack zu holen war mir zu umständlich - würden wir doch sowieso bald wieder zum Abstieg übergehen und somit würde zumindest mein Rücken etwas wärmer bleiben. Die Hände taten jedoch beim Fotografieren richtig weh und ich war froh, als ich sie schnell wieder in die Taschen stecken bzw. die Handschuhe überziehen konnte.

Blick vom Gipfel des Weissmies zurück auf die letzten Aufstiegsmeter Am Gipfel des Weissmies (4023m)
links: Blick vom Gipfel des Weissmies zurück auf die letzten Aufstiegsmeter
rechts: Am Gipfel des Weissmies (4023m)

Die Aussicht war bombastisch, anders kann ich es kaum beschreiben. Komischerweise kam ich mir im Vergleich zu anderen Touren gar nicht so hoch vor, obwohl dies nun mein höhster Gipfel geworden ist. Allerdings konnte man fast nirgends bis ins Tal sehen, meist blieb der Blick auf ~2000m hängen... somit täuschte dies ein wenig.
Das Panorama hat zwar ein paar Fehler in der Großansicht (demnächst bitte alle still halten *g*), ich habe es aber dennoch upgeloadet.

Panorama vom Gipfel des Weissmies
Panorama vom Gipfel des Weissmies

Nach vielleicht 20min machten wir uns wieder an den Abstieg. Als Alleingänger hätte man einfach wieder den Aufstiegsweg wählen können - ein älterer Herr tat dies auch. Entsprechende Erfahrung und Verhältnisse vorrausgesetzt, ist dies meiner Meinung nach vollkommen vertretbar, der Anstieg war komplett gletscherfrei!
Wir hatten uns jedoch eine Überschreitung des Weissmies vorgenommen und wählten somit für den Abstieg den Normalweg über Westgrat, Nordflanke und Triftgletscher. Die ersten Höhenmeter sind eigentlich seilfrei möglich, solange man sich direkt etwas unterhalb der Wächten hält. Wir wollten zunächst etwas absteigen, um dem schlimmsten Wind zu entgehen. Die Sicht war entsprechend gut, so dass nichts dagegen sprach. Sollten die Verhältnisse schlechter sein, so würde ich auf jeden Fall bereits am Gipfel anseilen! Auf dem unteren mittleren Bild sind einige Meter unterhalb des Grates bereits Spalten zu erkennen!
Unsere Anseilaktion konnte leider nicht als "lehrbuchmäßig" bezeichnet werden. :-) Aus irgendwelchen Gründen war unser Seil vollkommen verdreht, wir brauchten fast 15 Minuten, um uns fertig zu machen. Einige Gruppen kamen an uns vorbei und schauten argwöhnig. Aufgrund des Wetters und der Zeit war es natürlich kein Problem, aber in einer entsprechenden Situation wäre das alles weniger schön gewesen. Somit waren wir doch etwas ärgerlich über unser Tun.

Westgrat des Weissmies Westgrat des Weissmies und Westgipfel Blick zurück zum Westgrat des Weissmies
links: Westgrat des Weissmies
Mitte: Westgrat des Weissmies und Westgipfel
rechts: Blick zurück zum Westgrat des Weissmies

Nach dem Anseilen verfolgt man noch ein wenig den Westgrat, bevor man sich nach rechts gen Norden wendet und die Flanke hinunter zum ebeneren Teil des Triftgletschers absteigt. Der Schnee war locker, wir hatten jedoch vorsichtighalber unsere Steigeisen noch von den letzten Meter des Aufstieges an. Die Ausblicke hinunter zum Gletscher waren sehr beeindruckend! Eines war jedoch etwas unklar: wo geht es denn lang? *g* Von oben war die Flanke nicht durchgänig einzusehen, die gut ausgetretene Spur verschwand von oben aus gesehen öfters im "Nichts" und tauchte wieder auf...
War es am Gipfel eisig kalt, so brannte hier nach den ersten Höhenmetern die Sonne. Der Wind war verschwunden und es staute sich förmlich die Hitze...

In der Weissmies-Nordflanke, hinten Lenzspitze und Nadelhorn Triftgletscher von der Weissmies Nordflanke aus In der Weissmies-Nordflanke
links: In der Weissmies-Nordflanke, hinten Lenzspitze NO-Wand und Nadelhorn
Mitte: Triftgletscher von der Weissmies Nordflanke aus
rechts: In der Weissmies-Nordflanke

Die Spur in der Flanke wurde nun von Meter zu Meter interessanter! Wir mussten auf die Seilführung gut Obacht geben. Auch ein Ausrutschen eines einzelnen hätte wahrscheinlich keine erfreulichen Konsequenzen gehabt, ständige Konzentration war angesagt! Kurze Steilpassagen, kleine Sprünge, gehen über Schneebrücken... alles in einer atemberaubenden Umgebung...
Was mich absolut faszinierte: Wer um Gottes willen leistete hier das Spuren bzw. legte die erste Spur nach entsprechenden Schneefällen? Was würde passieren, wenn hier mal ordentlich Nebel herrscht? Auch wenn der Weissmies als einfacherer 4000er gilt und wir am Normalweg unterwegs waren: wenn hier die Verhältnisse einmal gehörig umschlagen, kann man durchaus in ernste Probleme geraten!

In der Weissmies-Nordflanke Auf dem Triftgletscher Auf dem Triftgletscher, Blick in die Weissmies Nordflanke
links: In der Weissmies-Nordflanke
Mitte: Auf dem Triftgletscher
rechts: Auf dem Triftgletscher, Blick in die Weissmies Nordflanke

Der Triftgletscher selber war dann relativ eben, allerdings galt es auch hier die richtige Spur zu finden. Wir hielten uns sehr weit rechts / östlich und folgten einer deutlichen Spur. Es gab jedoch ebenfalls sehr viele Spuren, welche direkt den Gletscher bergab querten und in einem Spaltenlabyrinth verschwanden. Wahrscheinlich könnte man hier sehr stark abkürzen, wenn man denn wollte... Auf dem oberen mittleren Bild hatte uns eine Gruppe überholt und reihte sich ein paar Meter vor uns wieder ein.

Den Rand des Gletschers erreichten wir gegen 12:30 Uhr und wir genehmigten uns nun die verdiente "Gipfelrast". Wir merkten deutlich, dass diese Pause längst notwendig gewesen wäre, wir hatten alle ziemlich Durst und teils machten sich bereits leichte Kopfschmerzen bemerkbar - die Sonne tat ihr übriges. Umso mehr konnten wir nun die Aussicht auf die Mischabelgruppe geniessen.

Rast auf den Triftgletscher
Rast auf den Triftgletscher

Wir waren nun wieder auf einer Höhe von ca. 3100m und verliessen schließlich den Gletscher. Die ersten Ausblicke hinter der Moräne waren ernüchternd. Skiliftanlagen, plattgewalste Pisten, Bagger... wieder fragte ich mich einmal, warum man (ich eingeschlossen) im Winter diesen Wahnsinn unterstützt. :-( Auf der Hochsaas-Hütte wollten wir deshalb auch nicht unbedingt bleiben. Die Ausgangshöhe für den kommenden Tag wäre zwar günstiger gewesen, aber in diesem Bauwahn und Skizirkus wollten wir keinen "Hüttenabend" verleben. Also stiegen wir noch 300m Weissmieshütte (2720m) ab. Der Weg ist nicht zu verfehlen, wir erreichten die Hütte gegen 14:15 Uhr.

4000er Panorama bei Abstieg zur Weissmieshütte Weissmieshütte mit Alphubel und Mischabelgruppe
links: 4000er Panorama bei Abstieg zur Weissmieshütte
rechts: Weissmieshütte mit Alphubel und Mischabelgruppe

Die Hütte selber war sehr schön. Auf der Terasse konnten wir den Nachmittag geniessen und uns über das Gipfelglück freuen. Es war noch genügend Zeit für die Hygiene und das Waschen von ein paar Kleidungsstücken.

DSC00926.JPG
Blick von der Weissmieshütte auf Fletschhorn und das Lagginhorn

Am Abend planten wir nun noch den Folgetag. Leider ging es Patrick nicht mehr so gut, ihn nahm die Höhe bzw. der schnelle Aufstieg doch mehr mit als gedacht. Ich hatte dies bihser zwar nicht selbst, aber schon einmal bei einem Bergkameraden erlebt, und zwar bei der Tour auf die Hohe Geige in den Ötztaler Alpen. Dort waren wir allerdings "nur" von ~1600m auf ca. 3400m aufgestiegen...
Wir wollten uns nun zwei Optionen offen lassen: wenn es Patrick über Nacht besser gehen würde, dann wollten wir versuchen über das Fletschhorn auf das Lagginhorn zu gehen und dort über den Normalweg absteigen. Falls nicht, dann wollten Stefan und ich alleine das Lagginhorn angehen, da dies auch gletscherfrei erreichbar ist und es nur zu zweit so sicherer ist. Dieser Anstieg erfolgt über den Westgrat. Patrick wollte sich gemütlich auf der Hütte entspannen und auf unsere Rückkehr warten...

Tag 4: Lagginhorn und Abstieg ins Tal

Der Wecker läutete gegen 5:00 Uhr, leider ging es Patrick nicht besser. Noch immer hatte er Kopfschmerzen. Stefan und ich machten uns alleine fertig und gingen zum Frühstücksraum. Das Packen ging den zweiten Tag einfacher zur Hand, auch der Rucksack war erheblich leichter, da wir vieles auf der Hütte lassen konnten.

Außer uns startete noch eine ganze Gruppe von Bergführeraspiranten und eine weitere Zweiergruppe (~5:45 Uhr). Die Aspiranten begannen in einem sehr hohen Tempo und überholten uns, schnell waren ihre Stirnlampen in der Dunkelheit verschwunden. Gegenüber im Tal waren die Umrisse der Mischabelgruppe zu erkennen. Zunächst konnten wir einen der vielen Serpentinenwege wählen, nach ca. 30 Minuten wechselten wir jedoch in wegloses Gelände. Wir hatten nicht vor komplett über den üblichen Normalweg aufzusteigen, sondern bereits auf etwa 2900 Höhe in den Westgrat einzusteigen. Über bröseliges Geröll arbeiteten wir uns vor- und aufwärts. Im Schein der Stirnlampen war dies nicht ganz einfach, oft beratschlagten wir uns über den günstigsten Weg. Ein ständiges Aufpassen war Pflicht, wollte man nicht irgendwo zwischen den losen Steinen in der Dunkelheit mit dem Fuß umknicken.

Etwa 6:45 Uhr erreichten wir schließlich den noch sehr breiten Westgrat auf 3100m Höhe. Langsam wurde es heller und man konnte bereits früh am Morgen erkennen, dass das Wetter heute nicht so gut wie gestern werden würde, wahrscheinlich würde es gegen Abend bzw. den nächsten Tag komplett umschlagen. Ob bereits hier am Westgrat Markierungen und/oder Steinmandl vorhanden waren, kann ich leider nicht mehr genau sagen. Zumindest kann ich mich entsinnen, dass Stefan und ich oftmals Ausschau nach entsprechenden Markierungen gehalten haben, spezielle oder markante Dinge habe ich jedoch nicht mehr in Erinnerung. Nichts desto trotz gab es keine Probleme mit der Wegfindung.

DSC00941.JPG DSC00945.JPG DSC00950.JPG
links: Stefan am breiten Westgrat
Mitte: Westgrat Lagginhorn
rechts: Westgrat Lagginhorn, nicht mehr weit bis zum Frühstück

Nach und nach kamen wir langsam aber sicher in die Schneeregion, so dass wir schließlich die Steigeisen anlegten. Hier und da gab es rutschiges Material. Eine 10 minütige Pause gönnten wir uns gegen 8:15 Uhr auf 3580m Höhe.
Das andere Zweierteam hatte mittlerweile zu uns aufgeschlossen bzw. ist über den eigentlichen Normalweg mit kurzem Gletscheranstieg zum Westgrat aufgestiegen. Hallo an dieser Stelle nach Sachsen! :-) In dieser 4er Konstellation wechselten wir uns nun mit dem Spuren ab - allerdings gab es bereits einen gewissen aufgetretenen Pfad. Zwischenzeitlich wird es kurz steiler, dann wieder flacher... der Gipfel selber ist jedoch nie richtig in Sichtweite und der Grat (bzw. fast die Flanke) nahm kein Ende.

Am Lagginhorn Westgrat, hinten der Westgrat des Fletschhorns Aufstieg Lagginhorn Westgrat, hinten der Weissmies Aufstieg am Lagginhorn Westgrat, Blick hinunter zur Weissmieshütte
links: Am Lagginhorn Westgrat, hinten der Westgrat des Fletschhorns
Mitte: Aufstieg Lagginhorn Westgrat, hinten der Weissmies Nordgrat
rechts: Aufstieg am Lagginhorn Westgrat, Blick hinunter zur Weissmieshütte, oben das Weishorn

Erst mit dem Blick zurück konnte man erkennen, dass wir schon einige Zeit unterwegs waren. Gegenüber ragten mittlerweile die Abstürze des Fletschhorns und des Weissmies hervor. Schön zu erkennen ist der Normalweg mit dem Triftgletscher, dem Vorgipfel und schließlich dem Grat zum Gipfel.
Irgendwann lag plötzlich ein weiterer kurzer Aufschwung vor und ich dachte noch so "Gott, das nimmt wohl gar kein Ende". Nach einem genaueren Blick erkannt ich jedoch, dass es sich um den letzen Gipfelaufschwung handelte und das Gipfelkreuz des Lagginhorn bereits zu sehen war. Diese letzten Meter waren nun im Vergleich mit dem restlichen langen Aufstieg etwas luftiger, aber soweit auch problemlos.

Die letzten Meter bis zum Gipfel des Lagginhorns Gipfel Lagginhorn, Blick zum Fletschhorn
links: Die letzten Meter bis zum Gipfel des Lagginhorns
rechts: Gipfel Lagginhorn, Blick zum Fletschhorn

Gegen 10:15 Uhr erreichte ich schließlich den Gipfel des Lagginhorns, 4010m. Im Südosten unter mir eine dichte Wolkendecke, im Westen das bereits bekannte Panorama der Mischabelgruppe. Doch nun mit einem kleinem Zuckerguss: das Weishorn war sichtbar. Wahnsinn!
Es zog abermals wie Hechtsuppe und es war sehr kalt. Die Fotoshootings ohne Handschuhe waren wieder eine kleine Tortur. :-) Stefan und ich kletterten ostseitig etwas ab und konnten so einen Platz im Windschatten erreichen, so dass diesmal eine richtige Gipfelrast möglich war. Achja, die Salami hält nicht nur auf der Zufallspitze, nein, die Bifi hält auch auf 4010m. :-)

Panorama vom Lagginhorn
Panorama vom Lagginhorn - leider auch mit ein paar Fehlern

Nach etwa 45 Minuten machten wir uns gegen 11 Uhr wieder an den Abstieg. Der obere Teil im Schnee gestaltete sich nun sehr einfach. Durch die Sonne war er etwas erweicht. Ein Abfahren ging zwar nicht (auch aufgrund der Steigeisen *g*), aber wir konnten in den weniger steilen Stellen direkt in Falllinie absteigen.
Das auf dem unteren linken Bild kommt übrigens dabei raus, wenn einem das richtige Eincremen aufgrund der Kälte einfach zuwieder ist. ;-)

Im Abstieg am Lagginhorn Westgrat, Blick zum Weissmies Nordgrat, rechts davon der Normalweg Am Lagginhorn Westgrat, hinten das Weishorn
links: Im Abstieg am Lagginhorn Westgrat, Blick zum Weissmies Nordgrat, rechts davon der Normalweg
rechts: Am Lagginhorn Westgrat, hinten das Weishorn

Gegen 13:30 Uhr erreichten wir wieder die Weissmieshütte. Patrick war wie verabredet bereits vorraus gegangen und langsam zum Campingplatz abgestiegen. Stefan und ich machten eine Pause und sammelten die auf der Hütte zurückgelassene Ausrüstung ein. Nach kurzem weiteren Abstieg erreichten wir auf rund 2500m Höhe die Bergstation Kreuxboden und entschlossen uns, die weiteren Höhenmeter abzufahren. Wir hatten bereits gute 1500 Höhenmeter in den Knien, weitere 1000 würden bis ins Tal noch dazukommen und das wollten wir uns nicht noch antun.

DSC01022.JPG DSC01028.JPG
links: Weissmieshütte vor Fletschhorn und Lagginhorn (in Wolken)
rechts: 4000er Panorama bei der Seilbahnabfahrt

Patrick wartete bereits am Campingplatz auf uns, ihm ging es nun besser. Leider änderte sich, wie bereits befürchtet, das Wetter über Nacht, so dass wir uns schweren Herzen wieder auf den Heimweg machten. Auch in den Ostalpen hatte das Schlechtwetter Einzug gehalten, aber wie man so schön sagt...

...wir kommen wieder! :-)

Fazit

Ich glaube jeder, der nach ein paar Jährchen Bergwandern und Bergsteigen das erste Mal auf einem 4000er steht, kann sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe. :-) Das wir die Unternehmung eigenverantwortlich und ohne Führer durchgeführt hatten freut mich besonders, ich würde es definitiv immer wieder so gestalten und lieber noch ein paar Jahre Erfahrung sammeln oder aber entsprechende Ausbildungen durchführen.

Erwähnenswert und für mich sehr verblüffend war die Tatsache, dass beide Gipfel komplett gletscherfrei erstiegen werden können und somit potentiell auch für entsprechend erfahrene Alleingänger möglich sind. Auf Steigeisen sowie Pickel würde ich dennoch keinesfalls verzichten, gewisse Vorkenntnisse zum richtigen Umgang sind ebenfalls notwendig.

An dieser Stelle auch nochmals einen schönen Gruß an Euch, Patrick und Stefan, für die tolle Tour!

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